
Sie spricht von ihrem Wunsch, anders zu arbeiten, neue Fantasiewelten zu schaffen, andere Möglichkeiten zu finden, um durch Tanz Geschichten zu erzählen. Geschichten, die Jugendliche ansprechen. Sie träumt von verschiedenen Fährten. Ich höre zu, ich fühle mich angezogen von diesem Willen, es „anders“ zu sagen. Ich erkläre ihr, dass der geschriebene Text lange nicht alles ist, dass der Körper genauso aussagekräftig sein kann wie der Satz.
Später treffen wir uns in einem Brüsseler Café, genau neben dem Théâtre de la Monnaie. Wir diskutieren ganz offen. Irene erzählt von ihren Wünschen: sie möchte das Thema Gewalt bei Jugendlichen bearbeiten, über Äpfel und über den Maler Botero sprechen. Sehr schnell entdecken wir den Konflikt: wie mit Genauigkeit und Überzeugung dieses allgegenwärtige Thema der Jugendgewalt verbildlichen und gleichzeitig die Sinnlichkeit der Gemälde und Skulpturen von Botero umsetzen?...
Botero – eine verzerrte Weltanschauung, in der nichts mehr mit der Norm, mit dem Herkömmlichen übereinstimmt. Die Menschen haben keine Proportionen. Sie sind dick, fettleibig. Ihre Würde wird karikiert. Sie werden zu Kreaturen, deren Gefühle, Leidenschaften und Wünsche eine gewisse naive Kindlichkeit ausdrücken und die doch durch überzeugende Rundungen herausstechen.
Sein Werk sticht auch durch die Spannungsfelder heraus: sie bilden sich im Raum, in der Inszenierung der Personen, in der befremdenden Sexualität der spannungsgeladenen Beziehungen, in der schillernden politischen Gesellschaft, die keinen Platz für Körper und Geist lässt.
Botero verbildlicht eine Kindheit, eine jugendliche Leidenschaft, den Genuss oder vielmehr die Gier nach Gefühlen, das Gespür dafür, Raum und Zeit zu nutzen und so König seiner eigenen Leinwand zu sein.
Bei Botero „stimmt etwas nicht“: die Körper, der Blick, die Situation. Das kleine gewisse Etwas versetzt den Betrachter in die Welt des Jugendlichen, in die Haut des Elefanten im Porzellanladen.
Möchte nicht jedes Kind einmal die verbotene Frucht probieren?
Der Apfel. Eine Frucht, die rollt, tropft, fault. Wir finden ihn bei Botero wieder als Symbol der Jugend.
Der Blick des Anderen.
Ist das Jugendalter nicht gezwungenermaßen dem Blick der Eltern und Erwachsenen ausgesetzt? Brauchen die „Kinder“ nicht gerade in diesem Alter die meisten Anhaltspunkte? Der Rausch der Gefühle, der Emotionen, der aufkommenden Sexualität, der aufmüpfigen Gewalt. Handspiele, Spiegelspiele, Spiele mit der Einsamkeit. Die Jugend muss sich selbst ergründen, so wie die Leinwand ihre eigenen Figuren schöpft. Es handelt sich hier weniger um eine Fatalität als um eine Notwendigkeit.
Die Sprache stolpert, die Stimme bricht, die Kleidung wird Mittel zum Ausdruck. Der Körper sagt etwas aus, er wirft förmlich um sich mit Worten, Zeichen, Stigmata. Er entstellt und verschönert sich zugleich. Er findet einen neuen Stellenwert. Der Körper wird aber vor allem Objekt eines Experiments. Er bestimmt den Blick: den Blick auf sich selbst oder den Blick des anderen. Er schreibt eine Fiktion zwischen dem Allmächtigen und dem Nichts.
Der Jugendliche schöpft seine Identität und seine Individualität aus der Musik, dem Fernseher, dem Kino, aus den Spielen, Medien und Büchern aber auch aus dem Kollektivbewusstsein. Wer mit wem? Warum? Neue Erfahrungen, wie die eines Kindes, das gehen und sprechen lernt. Neue soziale Errungenschaften.
Ideen fallen über ihn herein und sie berühren immer wieder das Verbotene im Gesellschaftsbild. Um welche Gesellschaft es sich auch handeln mag, das Sprachrohr ist stets der Ungehorsam. Das ist der Zeitpunkt, in dem das Lernen im Gruppenleben die zukünftige Generation bestimmt.
Auch die Faszination spielt eine Rolle. Die Faszination von sich selbst und vom anderen. Jemand erklärte mir einst: „es gibt nichts begriffsstutzigeres, als einen Jugendlichen!“ Und es stimmt. Denn wenn ein Jugendlicher fragt „warum?“, geben wir ihm eine andere Antwort als einem Kind, eine komplexere und tiefgründigere.
Dann gibt es da noch den Kampf zwischen dem Ich und der Geschichte. Letztere kann schließlich gelöscht werden, um Platz für Neues zu machen. Der Kampf findet zwischen der Macht des Kindes (denn es ist davon überzeugt, an erster Stelle zu stehen) und der plötzlich kompliziert gewordenen Welt statt. Nichts ist mehr wie es war. Einsehen, dass es sich nicht ändern lässt; ertragen, was man getan hat (rauchen, kiffen, küssen, klauen); versuchen, jemand zu sein.
Das Jugendalter ist schön. Es ist keine Leidensdarstellung. Es ist eine Darstellung der Übersättigung, der Überzeugung, des Versehens...
Die Proben haben begonnen. Irene leitet die Improvisation. Die Tänzer denken sich Schrittfolgen aus. Wir betrachten gemeinsam Botero. Wir sprechen über unsere eigene Jugend. Wir essen Äpfel.


